AlarmierendVerlustreichGefährlichSchützenswert  
"Es wird gefälscht, dass sich die Balken biegen"

Sächsische Textilfirmen wehren sich gegen nachgemachte Produkte aus Fernost - Verband plant ein Aufklärungszentrum für Produzenten, Händler und Kunden

 

Waren "Made in Germany" sind bei Fälschern gefragt wie nie zuvor: 2006 beschlagnahmten die deutschen Zöllner gefälschte Produkte im Wert von 1,2 Milliarden Euro - eine Rekordsumme. Der Trend für dieses Jahr zeigt erneut Rekord an. Zunehmend betroffen davon sind auch sächsische Textilfirmen aller Branchen.

 

VON RAMONA NAGEL

 

Chemnitz - Frank Markert, geschäftsführender Gesellschafter der Premiumbodywear AG, staunte nicht schlecht über den Aunruf einer Kundin. Der Frau, die einen Internetshop unter anderem mit Shirts und Unterhosen der Marke Olaf Benz betreibt, wurde eine glatte Fälschung angeboten. "Erkennbar war das am Etikett", meinte Markert. Etwa ein Viertel Jahr ist das her. Seitdem liegt diese Angelegenheit beim Anwalt.


Auch Hervé Francois, Geschäftsführer der Color-Textil Veredlung GmbH (Colortex), hat solche Erfahrungen schon gemacht. Im Frühjahr dieses Jahres wurde in einem Londoner Kaufhaus auf einem Kleid eines bekannten  Modelabels ein Design gesichtet, für das das Frankenberger Unternehmen die Nutzungs- und Markenrechte besitzt. Der Schaden beträgt um die 70.000 Euro. Hinzu kommen noch Prozess- und Anwaltskosten in unbestimmter Höhe. Weil der Fall in England juristisch verfolgt wird, hoft die Colortex Hoffnung auf Erfolg.

"Es wird gefälscht, dass sich die Balken biegen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (VTI), Bertram Höfer. Einer der jüngsten Entdeckungen trifft den Fußballfan und Vizepräsidenten des FC Erzgebirge Aue doppelt: Auf einem Markt in Tschechien wurde ein gefälschtes Trikot des Vereins gesichtet. Deutlich erkennbar, dass es kein Original ist: Es ist nicht gefärbt, sondern bedruckt, das Vereinswappen ist fehlerhaft und die Nähte sind nicht das, was der deutsche Kunde unter Qualität versteht.

Höfer verweist gerade bei diesem Kleidungsstück auf eine Charakteristik, die bei Billig-Käufern meistens verdrängt wird. Während die europäischen Textilfirmen seit kurzem ihre Produktion nach den strengen Richtlinien des neuen europäischen Chemikalienrechtes (Reach) ausrichten und kontrollieren lassen müssen, sind die Inhaltsstoffe von gefälschten Textilien unbekannt. "Es können durchaus krebserregende Stoffe enthalten sein, die durch Schwitzen direkt in den Körper gelangen", warnt der Textilfachmann. Bei Arbeits- und Schutzbekleidung sei die Funktion nicht mehr gewährleistet. "Es ist faktisch eine Bedrohung von Leib und Leben."

Von den Fälschungen bleibt keine Branche der Textilindustrie verschont. Von der Curt Bauer GmbH aus Aue, die laut Höfer den hochwertigsten Damast in Deutschland herstellt, wurde gefälschte Bettwäsche entdeckt, von der Plauener Spinnhütte, die hochwertige Seidenstoffe produziert, wurden dekorative Stoffe gefälscht, ebenso von der Stickperle GmbH aus Falkenstein 15 Fensterbilder aus Plauener Spitze. Auch Leder der Vowalon Beschichtung GmbH ist vor Fälschung nicht sicher.

Der VTI will jetzt massiv gegen die Fälscher aus Fernost - zumeist aus China, Indien, Pakistan, Taiwan sowie der Türkei vorgehen. Geplant ist in Chemnitz ein Zentrum für Aufklärung. "Wir wollen damit Produzenten, Händler und Kunden erreichen und auch zusammenbringen", sagte der VTI-Chef. Eventuell wird das sächsische Wirtschaftministerium das Vorhaben unterstützen. Es ist noch keine Entscheidung gefallen, sagte gestern eine Sprecherin.

Viele Firmen fühlen sich hilflos im Kampf um ihre Ware. Premiumbodywear-Chef Markert kennt nur einen Schritt gegen Fälscher: "Innovation und Originalität".

 

Freie Presse 4./5.08.2010

 


Copyright © 2008 vti-online.de - Alle Rechte vorbehalten -