AlarmierendVerlustreichGefährlichSchützenswert  
Gefälscht wird alles, was schnellen Profit verspricht

BMW vor Gericht gegen chinesischen Autohersteller erfolgreich - Plagiate gibt es in fast allen Industriebereichen - Betroffen sind vor allem erfolgreiche Entwicklungen

 

Marken „Made in Germany" sind bei Fälschern seit Jahren gefragt. Gefälscht wird alles, was Profit verspricht und das sind längst nicht mehr nur Räuchermännchen und Heimtextilien.

 

VON RAMONA NAGEL

 

Chemnitz. Der X5 des bayerischen Automobilherstellers BMW ist ein kraftvolles und sportliches Fahrzeug. Es gefällt nicht nur den Autoliebhabern weltweit. Es gefiel auch dem chinesischen Automobilproduzent Shuanghuan Motors so sehr, dass er sich beim Design seines eigenen CEO zu deutlich an der Seitenlinie und dem Heck des X5 orientierte.

Die Front, das Charakter gebende Kernstück eines jeden Wagens, fällt zwar einigermaßen eigenständig aus. Doch für BMW ist die Sachlage klar: „Der CEO wird von uns eindeutig als Plagiat gewertet", hieß es gestern aus der Münchner Zentrale. BMW hat mit der Meinung zu dem Fahrzeug, das zur Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main 2007 von einem Importeur erstmals vorgestellt wurde, jetzt vom Oberlandesgericht München Recht bekommen. Die Richter bestätigten damit ein Urteil vom Sommer vergangenen Jahres, gegen das der Importeur China Autombile Deutschland Berufung eingelegt hatte. Die Richter ordneten zudem Schadenersatz und die Vernichtung aller X5-Plagiate an. Eine Revision vor dem Bundesgerichtshof wird als unwahrscheinlich angesehen.

 

Erfolg für den Starliner

Erst im Januar dieses Jahres war der Münchener Nutzfahrzeughersteller MAN bei einem Plagiatsprozess in China erfolgreich. Der chinesische Hersteller Zhongwei Passenger hatte den in Plauen produzierten Bus Starliner der Konzerntochter Neoplan detailgetreu kopiert. Das Urteil lautete auf umgerechnet rund 2,3 Millionen Euro Schadenersatz.

Autos, Maschinen, Elektrogeräte, Spielzeug, Medikamente, Textilien - kaum ein Wirtschaftsbereich scheint verschont zu bleiben. „In China war Fälschen lange Zeit legal", sagte Christine Lacroix vom Verein Plagiarius, der jährlich einen Zwerg mit goldener Nase als Negativ-Preis für die dreisteste Fälschung verleiht. Besserungen gebe es, seitdem in den 1980er Jahren ein europäisches Rechtssystem eingeführt wurde. Doch dessen Durchsetzung ist vor allem auf dem Lande sehr schwierig.

Der Gründer des Vereins, Professor Rido Busse, gilt als Vorreiter im Kampf gegen Fälschungen. 1977 entdeckte der Designer auf der Frankfurter Messe Ambiente auf dem Stand eines Herstellers aus Hongkong eine von ihm entworfene Brief-/Diätwaage - deutlich billiger, aber auch in deutlich schlechterer Qualität. Mit dem Plagiarius will er seitdem die Öffentlichkeit und den Gesetzgeber sensibilisieren.

 

Ziel ist schneller Profit

Laut dem Verein Plagiarius kopieren die Fälscher nur erfolgreiche Produkte und sparen sich Kosten für Forschung, Entwicklung und Marketing. Das Gefährliche: Um schnell Profit zu machen, würden häufig preiswerte Materialien verwendet. Anonyme Vertriebswege wie das Internet unterstützen die Fälscher. Doch der Zoll ist sehr erfolgreich bei der Ahndung. So beschlagnahmten deutsche Zöllner im vergangenen Jahr gefälschte Produkte im Wert von 436 Millionen Euro. 2007 waren es 426 Millionen Euro und 2006 wurde mit einem außergewöhnlich großen „Fang" der Rekordwert von 1,2 Milliarden Euro erreicht. Zöllner hatten im Hamburger Hafen gefälschte Sportbekleidung und -schuhe aus dem Handel gezogen. Die volkswirtschaftlichen Schäden durch Plagiate sind enorm. Schätzungen gehen davon aus, dass durch Ideenklau und Kopieren von Markenartikeln jährlich weltweit ein finanzieller Schaden von 200 bis 300 Milliarden Euro entsteht, für Deutschland werden etwa 29 Milliarden Euro gerechnet. Rund 200.000 Arbeitsplätze werden auf diese Weise weltweit vernichtet, allein in Deutschland sind es bis zu 70.000.

 

Kontrolle kostet Zeit und Geld

Viele sächsische Firmen haben unliebsame Erfahrung im Umgang mit Fälschungen gemacht. So müssen sich die erzgebirgischen Kunsthandwerker und Spielzeughersteller seit vielen Jahren immer wieder gegen Plagiate aus Fernost wehren. Etliche Gerichtsverfahren, unter anderem gegen Importeure, sind bereits aktenkundig. Für die kleinen und mittelständischen Firmen ist die Kontrolle über die Vielzahl der Produkte, besonders in der Zeit der Weihnachtsmärkte, fast aussichtslos. Neben einem großen zeitlichen Aufwand belastet es die Firmen zudem finanziell.

Auch die Textilindustrie ist betroffen. Unterwäsche, Stoffdesign, gestickte Fensterbilder oder OP-Kittel wurden bereits als Fälschungen enttarnt. Selbst ein lilafarbenes Trikot vom FC Erzgebirge Aue wurde auf einem Markt in Tschechien entdeckt: nicht gefärbt, sondern bedruckt, das Vereinswappen fehlerhaft und die Nähte nicht das, was der deutsche Kunde unter Qualität versteht. Nach Ansicht des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil-und Bekleidungsindustrie kann Aufklärung von Unternehmern und Verbrauchern viel dazu leisten, dass Fälschungen schneller entdeckt werden.

 

Freie Presse, 20. Mai 2009

 


Copyright © 2008 vti-online.de - Alle Rechte vorbehalten -